Background image

Hoch über den Reben

Fabian Hensel Photography

„Ich wollte einen Ort schaffen, der Kunst und Wein verbindet. Ein Ort, an dem Freundschaften geknüpft und gepflegt werden können.“

Die Geschichte von Weingut Odinstal

Es war Ende der 1990er Jahre, als Thomas Hensel zum ersten Mal den steilen Weg hinauf zum Odinstal fuhr. Der Immobilienunternehmer aus der Pfalz war eigentlich auf der Suche nach einem Wohnhaus – einem Rückzugsort, fernab vom Trubel des Alltags. Was er fand, war etwas völlig anderes.

Ein vergessenes Juwel erwacht 

Auf 350 Metern über dem Meeresspiegel, hoch über den Dächern von Wachenheim, thronte ein klassizistisches Herrenhaus aus dem Jahr 1830. Es war einst vom Bürgermeister von Wachenheim erbaut worden, doch die Zeit hatte ihre Spuren hinterlassen. Kein Strom, kein fließendes Wasser – das Anwesen war ein Relikt, umgeben von wilden Wiesen, altem Mischwald und einem verlassenen Basaltsteinbruch am Pechsteinkopf.

Die meisten hätten abgewinkt. Thomas Hensel blieb. „Es hat ihr Herz berührt“, heißt es über die Familie, die sich in diesen magischen Ort verliebte. Gemeinsam mit seiner Frau Ute – dem ehemaligen Model, das einst als „Bravo-Girl“ bekannt war – begann er, das Anwesen Stück für Stück wieder zum Leben zu erwecken.

Der Weg nach oben

Bevor auch nur eine Traube gepresst werden konnte, mussten Stromleitungen verlegt und eine Wasserleitung den Berg hinaufgeführt werden. Eine eigene Pflanzenkläranlage wurde gebaut, weil ein Anschluss an die Kanalisation in dieser Höhe unbezahlbar gewesen wäre. Jahre vergingen, bis das Gut bewohnbar wurde – und noch mehr Jahre, bis der erste Jahrgang in den Keller kam.

Die Idee, hier oben Wein zu machen, galt vielen als verrückt. Die Mittelhaardt endet normalerweise bei 200 Metern Höhe. Doch Hensel sah, was andere noch nicht sahen: Der Klimawandel würde diese Lage zur Zukunft machen. Langsamer reifende Trauben, kühlere Nächte, moderaterer Alkohol – alles Vorteile, die anderswo mühsam erkämpft werden müssen.

Andreas Schumann übernimmt den Keller

Für die Weinbereitung holte Hensel einen jungen Winzer ins Boot, der bei der Pfälzer Legende Hans-Günter Schwarz gelernt hatte – dem Kellermeister, der Müller-Catoir von 1959 bis 2001 geprägt hatte. Schwarz selbst war es, der Andreas Schumann der Familie vorstellte. Er hatte das Odinstal besucht und geurteilt: „Ja, es ist völlig verrückt. Aber es ist möglich.“

Seit der Ernte 2004 lenkt Schumann die Geschicke im Keller. Er brachte nicht nur Fachwissen mit, sondern auch eine Philosophie: So wenig Eingriff wie möglich. Spontangärung ohne Temperaturkontrolle. Langer Verbleib auf der Vollhefe. Minimale Schwefelung. Die Weine sollten den Berg sprechen lassen – nicht den Önologen.

Was Thomas Hensel daraus gemacht hat

Aus einer Ruine ohne Infrastruktur wurde eines der ungewöhnlichsten Weingüter Deutschlands. Die Aufnahme in den VDP – den Verband Deutscher Prädikatsweingüter – erfolgte 2021, eine späte Anerkennung für jahrzehntelange Arbeit.

Das Odinstal ist heute mehr als ein Weingut. Es ist ein Ökosystem: halb Mischwald, ein Viertel magere Wiesen, ein Viertel Reben. Ein Ort, an dem Wein, Natur und Geschichte ineinandergreifen. Thomas Hensel, der sein Geld mit Immobilien verdient, hat hier etwas geschaffen, das sich nicht in Renditen messen lässt. Er hat einem vergessenen Herrenhaus sein Erbe zurückgegeben – und dabei einen Wein hervorgebracht, der so eigensinnig ist wie der Ort, an dem er wächst.